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Liebe zur Geige

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Liebe zur Geige
 

aus Kristeligt Dagblad, vom 23. Juni 2003
von Claus Grymer


Sobald er morgens aufwachte, waren seine Gedanken bei der neuen Geige. Noch im Schlafanzug nahm er sie aus dem Kasten und spielte. Danach konnte der Tag beginnen, nicht vorher. Der deutsche Geiger Jochen Brusch, der dänisch wie ein Däne spricht - nur der Akzent verrät seine deutsche Herkunft, vergleicht sein Verhältnis zur Geige mit einem Liebesverhältnis. Er beschreibt das Glücksgefühl, "die einzige Eine" zu finden, sei es eine Geige, die er gefunden hat oder eine Frau, die er auch gefunden hat. Seine Geige wurde von einem Geigenbauer in Bonn gebaut, Peter Greiner, über dessen ungewöhnliche Fähigkeiten er Gerüchte gehört hatte. Vor einigen Jahren fuhr er nach Bonn und gabe eine Geige in Auftrag. Drei Jahre musste er auf die Fertigstellung warten, jetzt beträgt die Wartezeit zehn Jahre.

Jochen Brusch nahm die Geige im Januar dieses Jahres in Empfang. Die "Übertragung" (das Wort ist in diesem Zusammenhang nicht zu hochtrabend) fand auf einem Bahnhof in Süddeutschland statt, wo Peter Greiner einen kurzen Aufenthalt auf dem Weg in die Schweiz hatte. Die Geige war gerade lackiert worden und kaum getrocknet. Es war Liebe auf den ersten Blick und Strich.

Die Geige ist eine Kopie der legendären Guarnerius del Gesu, die einst der italienische Violinvirtuose Nicolo Paganini (1782-1840) spielte.

Das "Kristeligt Dagblad" trifft mit Jochen Brusch in Ejerslev auf dem nördlich Mors zusammen. Brusch hat ein früheres Missionshaus "Eben Ezer" als sein Sommerhaus eingerichtet. Im ehemaligen Versammlungs saal hat er die Wandaufschrift aus dem Brief Jakobs bewahrt: "Sei nicht nur des Wortes Hörer sondern auch dessen Ausführender."

Seit über 25 Jahren hat Jochen Brusch eine enge Verbindung zu Dänemark, wo er viele Konzerte spielt, unter anderem Kirchenkonzerte. Er betrachtet Dänemark als sein zweites Vaterland und hat vor kurzem zusammen mit dem dänischen Gitarristen Finn Svit eine CD herausgegeben, die eine Huldigung an das Land ist, "Hommage a Danmark", mit Musik von Carl Nielsen, Henrik Rung, Fini Henriques, Kaj Mortensen und Jochen Brusch, der sich cansonsten allerdings nicht als Komponist betrachtet.

Jochen Brusch ist auch der Schöpfer der "Konzertparaphrase über H.C. Lumbyes Traumbilder". Außer drei Volksweisen arrangiert von Finn Svit und John Höybye enthält die CD auch zwei Werke ausländischer Komponisten, die Verbindung mit Dänemark hatten. Es sind die Komponisten John Dowland und Antonio Vivaldi.

Jochen Brusch war 7-8 Jahre alt, als er Mendelssohns Violinkonzert im Radio hörte und ganz vom Klang der Geige ergriffen war. Er bekam seine erste Geige und erhielt Unterricht von einer ungarischen Musikerfamilie, die im selben Treppenhaus wie Familie Brusch wohnte. Aber das Üben war nicht nur ungetrübte Freude für den Jungen. "Ich musste dazu überredet werden, ja in gewissem Sinne manchmal auch gezwungen werden. Ich erinnere mich noch, wie mein Vater die Küchenuhr auf 30 Minuten stellte und ich dann im selben Augenblick als die Uhr schellte, die Geige inmitten eines Tones aus der Hand legte. Ich war damals ungefähr 11 Jahre alt. Aber seit meinen jungen Erwachsenenjahren war meine Liebe zur Geige konstant. Ich hatte zwar Krisen mit meinem Spiel aber niemals Krisen in dem Sinne, dass ich überlegte aufzuhören, um etwas Anderes zu machen."

Jochen Brusch entwickelt das Bild eines Liebesverhältnisses: "Ein Begriff wie Untreue kann vorkommen. Man hat lange Zeit auf derselben Geige gespielt. Eines Tages hört man - vielleicht hinter einer Tür - eine Stimme, von der man sofort ergriffen ist. Wem gehört diese Stimme? Man lernt eine Geige kennen und verliebt sich.

Viele Jahre hindurch spielte ich auf einer französischen Geige, die sehr zuverlässig und kraftvoll im Ton war. Auch charmant war sie. Aber es kam die Zeit, als ich das Gefühl hatte, dass ich ihre Möglichkeiten ganz ausgereizt hatte. Ich brauchte und suchte eine neue Herausforderung. Es folgte eine Periode, in der ich viele Geigenbauer und -händler aufsuchte, ich wechselte die Instrumente nach recht kurzer Zeit, bis ich schließlich die fand, auf der ich jetzt spiele. Sie ist absolut die beste, die ich jemals hatte. Und ich bin sicher, dass es sehr schwer sein wird, jemals eine bessere zu finden.

Einige Geigen sind kapriziöser als andere. Meine französische Geige konnte immer spielen, egal wie kalt oder feucht es war. Die italienische, die ich danach spielte, klang an manchen Tagen feiner als an anderen. Ich finde allerdings, dass auch meine jetzige Greiner-Geige Unterschiede zeigen kann. Sie ist niemals schlecht, kann aber vielleicht an einigen Tagen besser sein als an anderen. Das kann allerdings auch damit zusammenhängen, in welcher Form man sich selber befindet.

Insgesamt ist meine Greiner-Geige von Woche zu Woche besser geworden, ja am Anfang sogar von Tag zu Tag. Peter Greiner hatte mir vorausgesagt, dass sie sich klanglich entwickeln würde."

"Welche Eigenschaft würden Sie bei einer Geige hervorheben?"

"Das Zarte und Gefühlvolle. Wenn auf einem Klavier eine Taste gedrückt wurde, kann der Klang nicht mehr geändert werden, während ein Ton, den man auf einer Geige anfängt, in seinem Verlauf alle "Nuancen erfahren kann. Gute Geigenmusik hat eine seelenvolle Ausdrucksvielfalt. Außerdem kann eine Geige "zaubern", die Virtuosität kann sehr spektakulär sein.

Trotz allem ist es hauptsächlich der Spielende, der den Klang erzeugt, die persönliche Färbung des Klanges. Fritz Kreisler, Jascha Heifetz, David Oistrach, Yehudi Menuhin und Itzak Perlman, die alle zu verschiedenen Zeitpunkten auf verschiedenen Geigen gespielt haben, sind Beweise für diese Behauptung: ihr eigener Klang leuchtet immer leicht erkennbar hindurch.

Die Geige wird oft als das schwierigste Instrument bezeichnet. Und in der tat, sie ist schwierig," sagt Jochen Brusch, fügt jedoch hinzu, dass es auf jedem Instrument schwierig ist, sein Bestes zu erreichen.

"Unter allen Umständen ist es wichtig, seine Fertigkeiten zu pflegen und auf der Höhe zu halten. Das Üben ist ein Lebensprojekt. Lässt man in den Anforderungen an sich selbst im Geringsten nach, erfahrt das Spiel sofort Schwächen."

Jochen Brusch spielt am liebsten jeden Tag. Auch während seiner Ferien auf Mors –jeden Vormittag eine Stunde oder mehr.

"Wenn ich nicht spiele, fehlt etwas, ich werde dann unruhig. Dazu kommt, dass es immer etwas zu üben gibt. Im Laufe der kommenden Saison werde ich acht verschiedene Programme spielen, die wollen alle in den Fingern sein."

Das "blaue Buch": Jochen Drusch, 47 Jahre, ausgebildet an den Musikhochschulen in Duisburg, Essen und Hannover und Absolvent des "Royal College of Music" in London. Sein nahes Verhältnis zu Dänemark geht auf das Jahr 1974 zurück, als er auf Mors Unterricht beim Geiger Anker Buch erhielt. Während der Jahre 1980-86 war Jochen Brusch Geiger des "Herning Stadstrio". Nach einer Periode als Konzertmeister bei den Essener Philharmonikern kam er nach Süddeutschland, wo er in der Universitätsstadt Tübingen seinen Wohnsitz hat. Außer dem Unterrichten spielt er ungefähr 100 Konzerte im Jahr. Er hat in Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Holland, Ungarn, Belgien, Frankreich, Spanien Österreich, Italien, Bulgarien, in der Schweiz und in den USA konzertiert. Außerdem hat er eine große Reihe sehr gelobter CD-Einspielungen mit insgesamt über 100 Werken veröffentlicht.
 

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