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Das Interview
Jochen Brusch fragt Jochen Brusch über Jochen
Brusch
J.B.: Herr Brusch, es freut mich sehr, dass wir hier jetzt zusammen
sitzen. Es war ja nicht leicht hierfür einen Termin zu finden. Umso
schöner, dass es so kurz vor Weihnachten doch noch geklappt hat. Ich
möchte Ihnen heute einige Fragen stellen, die sowohl mit Ihrem Beruf
zu tun haben als auch mehr privater Natur sind. Ich fange jetzt
einfach mal an.
Herr Brusch, wie ist Ihr augenblicklicher Gemütszustand?
J.B.: Heiter.
J.B.: Schön, das freut mich. Eine kurze, knappe Antwort.
J.B.: Ja, sehr knapp, aber sehr treffend.
J.B.: Schön, aber dann will ich Sie mal etwas ganz Anderes fragen,
um Sie ein bisschen mehr aus der Reserve zu locken. Mir kam nämlich
zu Ohren, dass Sie eigentlich ein eloquenter Gesprächspartner sind.
Also, Herr Brusch, wie empfinden Sie das Leben heutzutage?
J.B.: Es ist teilweise ein verrücktes Leben. Technische Fortschritte
überschlagen sich, aber angesichts der Gewalt an vielen Orten,
angesichts der Missstände was eine gerechtere Verteilung von
Wohlstand auf dieser Welt betrifft und angesichts zahlreicher
weiterer Missstände der verschiedensten Art und in allen möglichen
Bereichen muss man sich fragen, ob es nicht an der Zeit wäre, dass
sich die Menschheit mehr bemühen sollte, jetzt mal auf anderen
Gebieten Fortschritte zu erzielen, z.B. in humaner Hinsicht, in
ethischen Fragen, auf dem Gebiet der reinen Mitmenschlichkeit. Das
würde jedoch eine ganz andere Art der Prioritäten im gesamten
Erziehungssektor aller Länder und vorerst sogar noch eine veränderte
Gesinnung in den Köpfen der Politiker der maßgeblichen Instanzen
voraussetzen.
Aber lassen Sie uns nicht zu viel über Missstände sprechen. Und auch
nicht über Politik.
J.B.: Sie haben recht. Wenden wir uns mal von den globalen Problemen
ab und kommen zu Ihnen. Wenn ich aber trotzdem anknüpfen darf:
welche persönlichen Konsequenzen ziehen Sie aus all Diesem?
J.B.: Natürlich hat man bereits im Ansatz ein Gefühl der Ohnmacht.
Aber wissen Sie, wir Menschen haben ja auch das Gen zum
Glücklichsein, und das ist bei mir – wie bei gottlob vielen
Menschen, auch bei denen in miserabelsten Verhältnissen – vielleicht
sogar besonders gut ausgeprägt. Mehr oder weniger instinktiv habe
ich mir eine eigene Welt aufgebaut, gleichsam einen Kontrapunkt zur
bestenfalls banalen, schlimmstenfalls grausamen Welt da draußen. In
meinem Fall ist es die Welt der Musik.
J.B.: Inwiefern? Das würde unsere Leser näher interessieren. Können
Sie das präzisieren?
J.B.: Ja natürlich. Ich studiere die großen und auch kleineren Werke
der Musik, sei es dass ich sie ganz konkret auf meinem Instrument
erlerne, sei es dass ich mich Ihnen hörend oder gar lesend nähere.
Ich gebe zu, dass ich nicht wie vielleicht einige große Meister,
namentlich der Vergangenheit, ein kompliziertes Werk mit dem inneren
Ohr hören kann, indem ich eine Partitur lese, doch habe ich während
der letzten Jahre immer öfter Noten angesehen, gelesen, studiert,
bestimmte Details herausgefunden, sozusagen mit ihnen, ja fast in
ihnen gelebt.
J.B.: Wie kam es dazu?
J.B.: Einerseits aus schierem Interesse, teilweise aber auch durch
mein eigenes – zugegebenermaßen bescheidenes – Komponieren. Dadurch
habe ich aber einen noch viel größeren Respekt bekommen vor den
Leistungen der großen Meister.
J.B.: Welche Meister meinen Sie insbesondere? Haben Sie da
irgendwelche Lieblingskomponisten!
J.B.: Also das Wort "Lieblingskomponisten" gefällt mir nun gar
nicht. Es fällt es mir da schwer, einige wenige herauszugreifen. Es
gab so viele wunderbare Komponisten. Bach, Mozart, Beethoven und
Schubert möchte ich vielleicht an allererster Stelle nennen. Aber es
ist müßig Rang- und Reihenfolgen zu benennen. Schauen Sie nur in den
Sternenhimmel, wie er in den schönen klaren Winternächten der
vergangenen Wochen so manches Mal zu beobachten war. Welcher Stern
leuchtet denn da am schönsten, oder welche Blume auf einer blühenden
Maiwiese ist die schönste? Manchmal ist es sogar eine im Verborgenen
blühende, die einen plötzlich besonders fasziniert.
J.B. Können Sie hier eine Parallele zur Musik nennen?
J.B.: Ja, da gibt es viele. Gerade interessiert mich der Komponist
und Geiger Giovanni Battista Viotti, ein Zeitgenosse Mozarts und
Beethovens, weil einer meiner Schüler gerade ein Viotti-Konzert
spielt. Der Mann schrieb 29 Violinkonzerte, von denen man kaum noch
jemals einen Ton hört. Das 22. Konzert war ein Lieblingswerk von J.
Brahms und kein geringerer als Mozart hat für sein 16. Konzert
Bläserstimmen hinzukomponiert. Bei ihm finden wir jedenfalls Blüten
von großer Schönheit, die uns normalerweise verborgen bleiben. Die
Musikgeschichte ist voll von solchen Schätzen der Vergangenheit. Und
jeder hat eigentlich Zugang in diese Schatzkammer, zwar nicht jeder
als ein aktiv Musizierender aber doch in Form von so vielen
wunderbaren Aufnahmen auf dem unübersehbar großen Markt der
CD-Einspielungen.
J.B.: Gibt es denn diese Schätze nur in der Vergangenheit?
J.B.: Bestimmt gibt es sie auch in der Musik unserer Zeit. Aber ich
gebe zu, das ist nicht so sehr meine Welt. Ein Werk von - sagen wir
- ….. nein, ich möchte hier doch am liebsten keinen Namen nennen,
obwohl sich mir einige unmittelbar aufdrängen, fast wären sie mir
schon über die Lippen gegangen. Lassen Sie es mich lieber anders
sagen. Es gibt Stellen in den Passionen von Bach, den Opern von
Mozart, den Sonaten und Sinfonien Beethovens oder den Liedern
Schuberts, wo der bloße Gedanke an diese Stellen mir manchmal eine
Gänsehaut machen kann. Kein Komponist der Gegenwart hat diese
Wirkung bisher auf mich erzielen können. Es kommt mir so vor als
seien diese alten Zeiten zwischen Bach und sagen wir der
Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert eine ganz einmalige Epoche in
der Musik, ein ganz und gar unvergleichlicher Höhenflug gewesen. Und
ich sage dies mit großem Respekt vor Komponisten wie Bartok,
Britten, Prokofiev, Schostakowitsch und anderen Größen des vorigen
Jahrhunderts.
J.B.: Da leben Sie also musikalisch ganz in Ihrem Elfenbeinturm, in
einem sozusagen musealen Gebilde, fast möchte ich sagen in einem
Mausoleum der längst verstorbenen Komponisten?
J.B.: Nein, keineswegs und durchaus nicht. Es gibt zeitgenössische
Musik, die ich sehr gerne höre. Da ist zum Beispiel Paul McCartneys
neue CD, die im Herbst erschienen ist. Einige der Songs sind da ganz
wunderbar. Stellen Sie sich vor: als ich 12 oder 13 war, das muss
ungefähr 1967 gewesen sein, habe ich von meinen Eltern das legendäre
Beatles-Album „Revolver“ zum Geburtstag bekommen. Im Oktober habe
ich von meinen Kindern zu meinem 50. (!) wieder ein Album, wenn auch
aus guten Gründen nicht mehr von den Beatles, so doch von Paul
McCartney bekommen. Und seine Musik begeistert mich immer noch,
obwohl ich natürlich nicht mehr mit den Ohren von damals höre.
J.B.: Wie meinen Sie das?
J.B.: Ich meine, mit 13, 14, 15, 16 hört man in der Popmusik der
Zeit die ganze verheißungsvolle Welt der aufsteigenden Dinge, die in
diesem Alter ganz neu und bezaubernd sind. Es hat mit Zeitgeist, mit
Jugend, mit unbewussten Ahnungen, mit der neuen Identität eines
jungen Erwachsenen zu tun. Das ist oft ein geniales Alter. Gewisse
Erlebnisse, z.B. auch gerade in der Musik, sind in dieser Intensität
später nicht mehr wiederholbar.
J.B.: Bedauern Sie das?
J.B.: Einerseits ja, aber dafür gibt es Anderes, das mit den Jahren
besser wird.
J.B.: Was meinen Sie?
J.B.: Sie sind ein hartnäckiger Fragensteller! Ich will es so sagen:
durch die Jahre werden einige Werke und Komponisten immer
wunderbarer.
J.B.: Können Sie uns ein Beispiel geben?
J.B.: Ja, lieber als gerne. Neulich hörte ich Jessy Norman mit einer
Arie aus dem ersten Akt aus Mozarts Figaro. Eine solch abgrundtiefe,
Alles umfassende, ja fast schmerzhafte Schönheit konnte ich – trotz
allem - mit 13, 14 noch nicht empfinden, Paul McCartney hin oder
her.
J.B.: Das hört sich ja plötzlich fast abfällig an!
J.B.: Nein, nein so war das auch wiederum nicht gemeint. Wissen Sie
manche Dinge sollte man auch gar nicht miteinander vergleichen. Wir
sind wieder beim Sternenhimmel oder der Blumenwiese angekommen.
J.B.: Aber SIE haben da doch gerade den Paul mit dem Wolfgang
Amadeus verglichen!
J.B.: Nein, nein. Jetzt sollten SIE besser zuhören! Ich habe nur
mein eigenes Erleben von Musik als 13-, 14-jähriger mit meinem
heutigen Erleben von Musik verglichen.
J.B.: Ja, verzeihen Sie, da haben Sie recht. Aber lassen Sie uns
noch ein letztes Mal auf die verborgenen Blümchen und die
Meisterwerke zurückkommen. Bitte nennen Sie unseren Lesern doch ein
konkretes Beispiel, vielleicht aus Ihrem Fachgebiet der
Violinliteratur.
J.B.: Ein extrem verborgenes, fast gar nicht aufzufindendes
Blümchen, - und hier drängt sich mir die Parallele zu Naturforschern
auf, die irgendwo in der Welt ein äußerst seltenes, vielleicht auch
bedrohtes Exemplar einer bestimmten Spezies entdeckt haben und
versuchen es zu beschützen und für die Nachwelt zu retten, also, um
noch einmal den Faden aufzunehmen, ein solch seltenes Blümchen ist
für mich z.B. die Sonate für Violine und Klavier in C-dur von Thomas
Taeglichsbeck, einem schon zu seinen eigenen Lebzeiten kaum
bekannten Geiger und Komponisten der Romantik. Er war Konzertmeister
am Hof des Fürsten Friedrich Wilhelm Constantin von Hohenzollern in
Hechingen. Damals, wir sprechen über die 30er und 40er Jahre des 19.
Jahrhunderts, herrschte am Hechinger Fürstenhof ein reges
musikalisches Leben. Der musikliebende Fürst lud regelmäßig Größen
des europäischen Musiklebens zu sich ein. So kamen z.B. Hector
Berlioz, Franz Liszt und die Geiger Henri Vieuxtemps, Antonio
Bazzini und Louis Spohr als Gastsolisten und Dirigenten an den Hof.
Aber auch sein lokaler Konzertmeister, der besagte Herr
Taeglichsbeck, war ein eminenter Musiker.
Lassen Sie mich hinzufügen, dass ich damals mit meinem Freund Tilman
Allert viele scherzhafte Reime erfand, die teilweise mit dem
Fürstenhof, mit dem wir uns damals gemeinsam sehr beschäftigten,
zusammenhingen. So „dichteten“ wir z.B.: "Taeglichsbeck, bring uns
den Täglichscheck".
J.B.: Das verstehe ich nicht.
J.B.: Ja, sind Sie denn vielleicht ein Schwabe, fehlt Ihnen denn der
Humor? Aber zugegeben, Sie sollten vielleicht wissen, dass ich
damals im Auftrag der Stadt Hechingen eine Konzert- und
Vortragsreihe durchführte, die dieses blühende Musikleben der
Hechinger Vorgeschichte zum Thema hatte. Ich spielte in diesem
Zusammenhang die erwähnte Sonate von Taeglichsbeck, die dann auch
der damalige Südwestfunk mit mir produzierte. Insofern passte der
Reim mit dem Täglichscheck ganz gut, obgleich es mehr eine
Traumvorstellung war, regelmäßig durch diese Aktivitäten Schecks
oder Überweisungen zu erhalten. Aber die Hechinger ließen sich
damals nicht lumpen, sie bezahlten nicht schlecht. Heute wäre das in
diesem Maße gar nicht mehr möglich.
J.B.: Ich glaube wir sind jetzt einigermaßen weit abgekommen von
unserem Blümchen.
J.B.: Da haben Sie ausnahmsweise mal recht. Ich spielte also diese
Sonate und fand in ihr Wendungen mit großem Charme. Das Seitenthema
des ersten Satzes besitzt echte Schönheit. Fast wäre es eines
Beethoven würdig gewesen.
J.B.: Sie sagen "fast"?
J.B.: Ja, ich sage "fast", denn von Taeglichsbeck bis Beethoven ist
es eben doch noch ein Stück. Dieses letzte Stück, diese so genannten
Feinheiten, sind im Grunde genommen Lichtjahre. Um bei den
Violinsonaten zu bleiben, nehmen Sie einen jeglichen Satz einer der
10 Beethoven Sonaten, jeder von ihnen ist ein Beispiel für
sublimsten musikalischen Ausdruck, wo praktisch keine Note
austauschbar ist. Das Gleiche gilt natürlich für seinen wunderbaren
"Kosmos" der 32 Klaviersonaten oder seine anderen Werke. Bei Taeglichsbeck erheischen wir eine Stelle, die uns erfreut, legen
alsdann Durststrecken zurück, bei Beethoven dagegen baden wir in
seiner unbeschreiblichen Welt der Töne, und zwar vom ersten bis zum
letzten.
J.B.: Das klingt ja ziemlich überzeugend. Ich kenne übrigens die
feinen Unterschiede auch auf anderem Gebiet, wenn ich das mal in
unser anregendes Gespräch einfliessen lassen darf. Nehmen Sie einen
Passat von Volkswagen. Der fährt doch einfach sehr, sehr gut, man
sitzt vorzüglich, hat den so oft erwähnten “Komfort“ in reichem
Maße. Aber Sie müssen noch mal dreimal soviel Geld oder noch mehr
ausgeben um diesen Komfort deutlich spürbar zu steigern, indem Sie
sich z.B. einen Mercedes der S-Klasse oder gar einen Maserati oder
Jaguar leisten.
J.B.: Also jetzt weiß ich auch nicht richtig, was ich dazu sagen
soll. Ich spreche von den Höhen der Beethovenschen Musik und Sie
bringen unmittelbar in diesem Zusammenhang einen Vergleich aus der
schnöden Welt des Automobils. Zwar lassen Sie schwach erkennen, dass
Sie meinen Punkt verstanden haben, aber …. na ja, ……. Lassen wir das
jetzt mal sein.
J.B.: Sie müssen schon verzeihen. Es passt ja nicht jeder in Ihren
engen Elfenbeinturm der Musik.
J.B.: Ob der so eng ist, möchte ich dahin gestellt sein lassen. Eher
empfinde ich kosmische Weiten, wenn ich an Beethoven oder die
anderen denke.
J.B.: Nun gut. Um wieder auf die ursprüngliche Thematik zurückkommen
zu dürfen. Spielen Sie eigentlich noch diese Taeglichsbeck-Sonate?
J.B.: Wissen Sie, ich bin jetzt 50 Jahre alt geworden. Spätestens
bei diesem "Runden" sollte einem bewusst werden, dass unsere Zeit
hier nicht unendlich ist. Man sollte anfangen, sorgfältig
auszuwählen, welcher Musik man seine Zeit und Energie widmet. Ich
habe zwar bereits sämtliche Violinwerke Bachs gespielt aber bei
weitem noch nicht alle Violinwerke anderer großer Komponisten. Um
noch einmal bei Beethoven zu bleiben: von seinen 10 Sonaten fehlen
mir immer noch einige, außerdem habe ich sein Violinkonzert, dieses
Konzert der Konzerte, noch nie öffentlich gespielt, obgleich ich
natürlich immer wieder darin geübt habe.
J.B.: Das erstaunt mich.
J.B.: Ja, mich eigentlich auch. Ich sollte das endlich
bewerkstelligen, mich um Aufführungen bemühen und sozusagen letzte
Hand an die Einstudierung legen, obwohl auch das ein Traum ist, wird
man doch nie im eigentlichen Sinne fertig mit solch einem
Meisterwerk. Es braucht allerdings die sorgfältigste Vorbereitung
und viel Zeit und Muße zur geistig-seelischen Vertiefung.
J.B.: Haben Sie die denn nicht?
J.B.: Einerseits schon, andererseits auch wiederum nicht. Es gibt
immer Vieles, was mich gleichzeitig gefangen nimmt.
J.B.: Wirklich? Ich habe aber gehört, dass Sie vormittags immer sehr
viel Zeit haben. Man hat Sie sogar regelmäßig gesehen, wie Sie am
mittleren bis späten Vormittag in Tübingen mit Ihrem Fahrrad
unterwegs sind, übrigens meist mit einer Kappe, bei der man sich
bestenfalls darüber streiten kann, ob Sie Ihnen steht.
J.B: Na, na, ich muss schon sehr bitten. Werden Sie jetzt nicht
etwas respektlos?
J.B.: Entschuldigen Sie bitte. Aber ich wollte sagen, wenn Sie Zeit
für diese Fahrradexkursionen haben, da müsste es doch wohl auch
möglich sein das Beethoven Konzert einzustudieren oder, wie - Sie
sagen – es geistig-seelisch zu internalieren, wenn ich auch mal so
frei sein darf, ein exotisches Wort zu benutzen.
J.B.: Ich glaube Sie meinten "internalisieren". (An dieser Stelle
räusperte sich J.B. und rollte mit den Augen, als würde seine Geduld
nun doch sehr strapaziert und als würde er gleichzeitig imaginäre
Anwesende um Nachsicht mit seinem Interviewpartner bitten. Er fuhr
alsdann fort:)
Ja, wissen Sie, wie ich bereits sagte, ich bin jetzt 50 Jahre alt.
Man wird nicht jünger, wie man so schön sagt, obgleich ich mich
jetzt jünger fühle als noch vor wenigen Jahren, aber ich muss neben
meinen vielen Verpflichtungen und Aktivitäten auch Zeit für Sport
finden. Als Geiger sind sie sozusagen auch Hochleistungssportler.
Die virtuosen Werke und das sichere Auftreten vor dem Publikum –
oftmals nach langen Reisen – erfordern körperliche Bestform.
J.B.: Muss also das Beethoven-Konzert weiterhin auf der Strecke
bleiben?
J.B.: Ich hoffe nicht. Aber im Moment gibt es Anderes, das mich
absorbiert.
J.B.: Darf der Leser auch erfahren, wovon Sie denn da so absorbiert
sind?
J.B.: Ja natürlich. Zwei CD-Projekte stehen kurz vor dem Abschluss,
Bachs sämtliche Sonaten für Violine und Orgel mit meinem Freund, dem
dänischen Kirchenmusiker (und königlichem Hoforganisten)
Sven-Ingvart Mikkelsen. Hier fehlen uns noch die von Bach
vorgesehenen alternativen Sätze zur letzten Sonate, sowie der letzte
Satz der f-moll Sonate, bei dem wir mit unserer ersten Aufnahme aus
Frankreich nicht zufrieden sind. Und dann noch ein weiteres
Bach-CD-Projekt, ebenfalls mit einem dänischen Künstlerfreund, dem
Gitarristen Finn Svit: Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier
und andere Klavierwerke Bachs von mir für Violine und Gitarre
arrangiert. Auch hier sind wir mit einigem bereits Aufgenommenen
nicht richtig zufrieden.
J.B.: Mit was denn z.B., wenn ich fragen darf?
J.B.: Sie dürfen, sie dürfen. Z.B. ist das Tempo im fis-moll
Präludium etwas zu langsam, die Intonation im allerdings sehr
schwierigen, von der Geige durchweg zweistimmig gespielten h-moll
Präludium nicht immer perfekt genug.
J.B.: Hätten Sie sich das mit dem Tempo nicht früher überlegen
können?
J.B.: Hinterher ist man immer klüger. Ihre Fragen sind übrigens an
der Grenze des Respektlosen.
J.B.: Das möchte ich dahingestellt sein lassen. Unsere Leser möchten
eben nicht nur ein
„Friede-Freude-Eierkuchen“-Interview. Aber wir schweifen ab. Wollen
Sie sagen, dass Sie wegen zwei Bach-Aufnahmen und einigen
Fahrradtouren das Beethoven-Konzert nicht richtig einstudieren
können?
J.B.: Beileibe sind das nicht alle meine Aktivitäten. Im Februar
spielen meine Schüler aus 10 verschiedenen Violinkonzerten
verschiedene Sätze. Ich muss, außer das ich sie in diesen
Violinkonzerten unterrichte, die Noten beschaffen (ich spreche hier
vom umfangreichen Orchestermaterial), Proben organisieren und das
Orchester dirigieren.
J.B.: Ist das alles?
J.B.: Nun warten Sie mal ab, ich bin ja noch noch nicht fertig,
eines nach dem anderen. Also nur eine Woche später spiele ich mit
dem Nürtinger Kammerorchester mit seinem von mir sehr geschätzten
Dirigenten Walter Schuster das d-moll Violinkonzert von Wieniawski,
das ich seit meinem Examen 1980 (!) in London nicht mehr komplett,
wohl aber in Teilen gespielt habe. Und das ist das ja beileibe keine
leichte Aufgabe. Nur eine Woche danach wiederum spiele ich auf einer
Dänemarkstournee mehrere Programme und zwar innerhalb nur einer
Woche, darunter die Jahreszeiten von Vivaldi.
J.B.: Da haben wir aber gehört, dass Sie die schon sehr oft gespielt
haben. Sie wollen uns doch wohl nicht im Ernst weissmachen, dass Sie
dafür noch viel üben müssen?
J.B.: Sind Sie jetzt in den Majestätsplural übergewechselt? Nun gut,
die „Jahreszeiten“ brauchen in der Tat nicht mehr soviel
Vorbereitung.
J.B.: Was heißt hier denn genau "nicht mehr soviel"?
J.B.: Wissen Sie, nicht nur bei Ärzten und Rechtanwälten gibt es
Schweigepflicht und Berufsgeheimnis. Ich möchte mich zu dieser Frage
hier nicht äußern. Ich finde übrigens, dass sich der "Ton" unseres
Interviews etwas gewandelt hat. Ihre Fragen sind sehr oft am Rande
des Respektlosen oder gehen sogar über diesen hinaus. Als Musiker,
und hier namentlich als Geiger, möchte ich sagen, der Ton macht die
Musik.
J.B.: Ok, ok, lassen Sie uns also ganz nüchtern zu Ihren
mannigfaltigen Aktivitäten zurückkehren. Was könnte da unsere Leser
noch interessieren?
J.B.: Vielleicht meine Konzerte mit "Tango Komplott", einer Tübinger
Tango-Formation, in der zwei Jazzer, ein russischer und äußerst
fabelhafter Bajan-Virtuose (Bajan= russisches Knopfakkordeon, Anm.
der Redaktion) und meine Wenigkeit spielen. Wir spielen hier im
Januar/Februar einige Male, u.a. die wunderbare Musik von Astor
Piazolla. Natürlich auch traditionelle Tangomusik und sogar einige
Zigeunerstücke.
J.B.: Wollen Sie jetzt also sagen, dass Sie das Beethoven-Konzert
nicht lernen können, weil Sie Tangos und Zigeunerstückchen spielen
müssen?
J.B.: Erstens kann von "Müssen" keine Rede sein, sondern auch hier
nur von "Dürfen" und zweitens muss man sich nicht schämen Musik zu
spielen, die u.a. auch von Gidon Kremer, Yo Yo Ma und Daniel
Barenboim gespielt wird.
J.B.: Ja schön, aber es fällt mir schwer, Ihr ständiges
Zurückstellen des Beethoven-Konzertes
und die mannigfaltigen Entschuldigungen hierfür so einfach zu
akzeptieren. Ist es nicht eher so, dass man für einige Dinge dieses
Lebens ganz einfach die Zeit finden muss, ganz egal wie dicht ein
Alltag auch aussehen mag?
J.B.: Ich muss schon sagen, Sie sind hartnäckig, sie bleiben beim
Punkt in fast weiblicher Intensität. Aber ich würde sagen, warten
wir es doch ganz einfach mal ab. Schließlich habe ich vor weniger
als einem Jahr gerade erst das Brahms-Konzert vier mal öffentlich
erfolgreich gespielt, übrigens mit der heutzutage selten zu hörenden
Kadenz von Fritz Kreisler, was zugegeben eher ein Detail ist, das
uns Geiger interessiert.
J.B.: Oh, das wusste ich gar nicht.
J.B.: Ja lesen Sie denn die Zeitung nicht ordentlich? In aller
Bescheidenheit: es waren vier sehr erfolgreiche Aufführungen.
J.B.: Ob das nun wiederum so bescheiden klingt, möge dahin gestellt
sein. Aber gestatten Sie mir eine Zwischenbemerkung. Bei Ihren
Antworten ist mir aufgefallen, dass Sie lange Sätze lieben, außerdem
fallen mir – mit Verlaub – manche etwas antiquiert wirkenden Worte
wie "gleichsam", "obgleich", "namentlich" u.s.w. auf. Lesen Sie
eigentlich gerne Thomas Mann?
J.B.: Kompliment. Jetzt haben Sie mich überrascht. Es spricht für
Ihr literarisches Feingefühl, dass Sie da Stilelemente wiedererkannt
haben. Fast hätte ich Sie hier unterschätzt. Ja, ich bin in der Tat
ein aufrichtiger Bewunderer von Thomas Mann, diesem Virtuosen der
Sprache. Seine Bücher sind mir ein absoluter Hochgenuss. Manche habe
ich bereits zum wiederholten Male gelesen, so wie man eine
kunstvolle Sinfonie oder Oper ja auch zum wiederholten Male, dann
sogar vielleicht mit gesteigertem Genuss anhört.
J.B.: Herr Brusch, erlauben Sie mir nun einen Themenwechsel. Wir
haben gehört, dass Sie ein weitgereister Mann sind. Letztes Jahr
Ostasien-Tournee davor die drei Jahre immer in die USA, einmal sogar
"von Küste zu Küste". Haben Sie auch in der kommenden Zeit
"transkontinentale" Konzertverpflichtungen?
J.B. Sehen Sie, Ihre Fragen gefallen mir immer besser. Wenigstens
haben Sie jetzt endlich mit dem ständigen Bohren nach dem
Beethoven-Konzert aufgehört.
Um also zu Ihrer Frage zu kommen. Es gibt in der Tat
transkontinentale Verpflichtungen,
obwohl in diesem Falle eher das Wort "transkontinental" passen
dürfte als das Wort "Verpflichtung", denn es handelt sich um eine
sehr freiwillige Reise nach Tasmanien. Die große Kathedrale von Hobart hat ihr Interesse
an einem "Violin-Recital" mit mir bekundet. Tasmanien ist übrigens
eine Insel südlich vom australischen Hauptkontinent.
J.B.: Jetzt unterschätzen Sie mich aber doch. Wo Tasmanien liegt,
weiß ich schon seit frühen Schultagen. Sie reisen also nach
Tasmanien. Welche Gedanken und Gefühlen verbinden Sie mit dieser
bevorstehenden Reise?
J.B.: Natürlich ist es eine große Vorfreude, die Freude auf sehr sonnige Tage in diesen sehr fernen Breiten, wo ja jetzt
Hochsommer herrscht. Allerdings – und dieses sage ich keineswegs aus
Sensationslust – sind mir da einige unschöne Geschichten aus der
dortigen Fauna zu Gehör gekommen. Angeblich hat ein weißer Hai an
einem der lokalen Strände vor kurzem sein Unwesen getrieben, indem
er einen unschuldigen Badegast, der gerade Mal bis zum Bauchnabel im
Wasser stand, quer durchgebissen hat. Außerdem gibt es allerlei
hochgiftiges Getier, wie Giftschlangen der verschiedensten Art in
allem möglichen Gebüsch und auch grauenvolle und am Leibe recht
umfangreiche, dazu und zu allem Überdruss noch äußerst giftige
Spinnen, diese Letzteren sogar mit Vorliebe unter den WC-Brillen, so
dass man sich vor gemütlichen Sitzungen besser ordentlich und sehr
gründlich in Acht nehmen sollte.
J.B.: Ist ja hochinteressant. Dass unser Gespräch eine solch
interessante Wendung nehmen würde, hätte ich anfangs kaum zu hoffen
gewagt. Und das interessiert natürlich auch in höchstem Grade unsere
Leser. Lassen Sie mich daher nochmals auf diese für uns
Mitteleuropäer doch recht spektakuläre Gegebenheiten der dortigen
Fauna zurückkommen: man hat doch auch von den äußerst gefrässigen
australischen Meereskrokodilen gehört? Oder nicht?
J.B.: Sie können mir glauben, dass auch das Vorkommen dieser fast
schon als Meeresungeheuer zu bezeichnenden Spezies mich ziemlich
beunruhigt hat. Die
Meereskrokodile sind eher im Norden des Kontinentes anzutreffen, wo
es wärmer ist.
J.B.: Im Norden und wärmer?
J.B.: Wenn ich Ihren Geographiekenntnissen hier trotz allem etwas
nachhelfen darf: wir sind hier ja auf der südlichen Erdhalbkugel, wo
es also zum Norden hin wärmer wird. Das sollten Sie aber wirklich
wissen.
J.B.: Oh ja, ich vergaß. Aber sollten wir von der Geographie und
Tierkunde nicht doch wieder zur Musik zurückkehren, von gefrässigen
Meereskrokodielen zum sublimen Beethoven gewissermaßen?
J.B.: Lieber als gerne, obwohl mich Ihr freiwilliges Zurückkehren
zur europäischen Kultur bei Ihrem offenkundigen Interesse für diese
deutlich weniger geistige Thematik doch eher wundert. Die gleiche
Begeisterung, die Sie soeben zeigten, stünde Ihnen für die
schöngeistigen Dinge als Leiter der Kulturredaktion dieser Zeitung
auch nicht schlecht zu Gesicht.
J.B.: Herr Brusch, man darf doch durchaus vielseitig sein oder etwa
nicht?
J.B.: Sie Diplomat!
J.B.: Sie sprachen anfangs über Ihr eigenes Komponieren, erwähnten
auch das Dirigieren und Sie unterrichten ja auch sehr gerne. Und
natürlich sind Ihre Aktivitäten als Geiger ja sowieso eine
Hauptbeschäftigung für Sie. Sie haben außerdem Kompositionen,
Transkriptionen und zahlreiche CDs publiziert. Fast erinnern Sie
mich da an die alten Musiker der vergangenen Jahrhunderte, die viel
weniger spezialisiert waren, sondern als richtige "Allrounder"
wirkten. Ist es eigentlich schwierig das alles unter einen Hut zu
bekommen?
J.B.: Eine gute Frage. Ich danke Ihnen zunächst einmal für den
schmeichelhaften Vergleich mit den vielseitigen Musikern vergangener
Generationen. - Nein, es ist eigentlich nicht so schwierig. Eher
würde ich sagen, dass ich mich bei der jeweils neuen Tätigkeit von
der vorherigen erhole. Nehmen wir z.B. das Transkribieren oder
Bearbeiten von verschiedener Musik für die Geige. Hierbei entspanne
ich mich regelrecht. Meine Wohnung, müssen Sie wissen, ist sehr
gemütlich, und hier in der Winterzeit mache ich dann oft Kerzen an
und vertiefe mich in die selbst gewählten Aufgaben. Im Winter vor
drei Jahren habe ich auf diese Art 30 Präludien von Bach für die
Violine umgearbeitet.
J.B.: Ist ja interessant. Was wurde daraus?
J.B.: Diese Sammlung wurde vom Berliner Traditionsverlag "Ries und
Erler" veröffentlicht.
J.B.: Welche anderen Transkriptionen möchten Sie erwähnen?
J.B.: Gerne meine virtuose Variante für Violine solo von E. Griegs
Klavierstück "Schmetterling", die der unvergleichliche Ingolf Turban
auch spielt und sogar auf einer CD mir virtuosen Werken eingespielt
hat. In seinen charmanten Notizen zu diesen Aufnahmen schreibt er,
dass der Schmetterling in dieser Version sozusagen neu
"ausgeschlüpft" ist. Sie sollten das übrigens unbedingt hören. Es
ist eine neue Stufe der Virtuosität und so klangzauberisch gespielt
– ich spreche hier nicht nur von meinem Schmetterling – wie diese
Ohren es noch nicht gehört haben.
J.B.: Herr Brusch, ich erwähnte ja bereits den Elfenbeinturm, der
mir nicht aus dem Sinn kommt, wenn ich Sie so reden höre. Natürlich
ist das von mir kritisch gemeint, aber wenn Sie so über Ihr Leben
als Musiker plaudern, muss ich dennoch zugeben, dass das auf eine
Art sehr reizvoll klingt.
J.B.: Ja, ehrlich gesagt, ich bin selbst dankbar dafür, dass alles
das so möglich ist. Während andere z.B. im Neonlicht eines Bank-
oder Versicherungsbüros vor ihrem Computerschirm sitzen oder auf den
überfüllten deutschen Autobahnen im Stau stehen, greife ich morgens
zu meiner Geige und beschäftige mich mit Bach, Mozart oder Beethoven
und bin ja eigentlich in solch einem Augenblick mit diesen
Universalgenies in geistigem Kontakt, zumindest beschäftige ich mich
mit ihren geistigen Produkten.
J.B.: Das hört sich ja wirklich gut an. Aber erlauben Sie mir auch
wiederum eine kritische Frage. Wo liegen denn die Nachteile? Die
muss es doch auch geben. Haben Sie als sogenannter "Freelance"-Musiker
z.B. ausreichend für Ihre Zukunft vorgesorgt? Die öffentlichen
Haushalte haben ja praktisch kaum noch Geld und da wird ja vor allem
an der Kultur gespart, also an den Töpfen, aus denen Sie bezahlt
werden sollten. Daher eine ganz direkte Frage: erzielen Sie ein
ausreichendes Einkommen?
J.B.: Sehen Sie, das ist mal wieder typisch. Kaum haben Sie ein paar
interessante Fragen gestellt, schießen Sie schon wieder über das
Ziel hinaus, indem Sie mit dieser absolut indiskreten Frage über
meine ganz privaten finanziellen Verhältnisse daherkommen, einer
Frage, die nun wirklich niemanden außer mir selbst etwas angeht.
Aber ich möchte Ihnen soviel verraten, damit Sie und die Leserschaft
beruhigt sein können: ich muss wohl nicht eines Tages unter der
Tübinger Neckarbrücke schlafen und auch ist mein Kühlschrank noch
voll, was übrigens - falls es Sie oder die von Ihnen so gerne
vorgeschützte Leserschaft interessiert – auch für den Kühlschrank
meiner dänischen Segelyacht gilt, wo auf meinen sommerlichen
Segeltörns nie der Champagner fehlt.
J.B.: Sie verstehen eben nicht, dass wir Journalisten uns mit der
Leserschaft identifizieren müssen. Aber gut, kehren wir zu Ihren
Aktivitäten und Meinungen als Musiker zurück. Da kommt es mir
allerdings so vor, dass Sie vor einem gewissen Reaktionismus nicht
gefeit sind. Inwiefern gehen Sie eigentlich mit der Zeit?
J.B.: Wissen Sie, die Geige ist nun mal ein Instrument, das vor über
400 Jahren so geschaffen wurde, wie sie noch heute aussieht und
gebaut wird, und ihre Blütezeit war nun einmal in den Jahrhunderten,
die folgten. Eine Geige wird niemals eine Elektrogitarre sein noch
eine solche erstatten wollen. Sie ist dennoch ganz und gar
einzigartig. Mein russischer Tangofreund Andrej Mouline, der bereits
erwähnte Bajan-Virtuose, sagt, dass man noch in 1000 Jahren die
Geige mit ihrem einzigartigen Zauber, ihrer Magie, ihrem göttlichen
wie auch spektakulärem Repertoire bewundern wird. Und ich glaube, er
hat Recht.
J.B.: Ja, hoffen wir es mal. Herr Brusch, wir haben nun schon lange
beieinander gesessen und unser Gespräch hat so interessante Details
wie australische Meereskrokodile, den musikalischen Hechinger
Fürstenhof der 1830er und 40er Jahre, eine n neu geschlüpften
Schmetterling wie auch die eine oder andere interessante Einsicht in
Ihr Leben als Musiker beinhaltet. Gewähren Sie unseren Lesern doch
noch einen letzten Einblick in Ihre Schatzkiste der Erinnerungen,
vielleicht aus Ihrem Tourneeleben. Können Sie da nicht von einem
schönen Erlebnis berichten?
J.B.: Das fällt mir nicht schwer, da muss ich auch nicht lange
nachdenken, obgleich es natürlich so viele schöne und interessante
Erlebnisse in Verbindung mit den Tourneen gibt. Ich möchte von einem
Konzert auf der dänischen Skagerak-Insel Anholt erzählen. Mein
dänischer Künstlerkammerad, der Gitarrist Finn Svit und ich hatten
dort ein Engagement an einem Juliabend irgendwann während der 90er
Jahre. Wir fuhren zunächst mit einer kleinen Fähre von der dänischen
Hafenstadt Grenaa zu dieser Insel. Das Wetter war strahlend, einige
typisch nordische Cumulus-Wolken am ansonsten strahlend blauen
Himmel, der auf dem Meer ja immer noch strahlender wirkt wegen der
ganzen Reflektion des Lichtes. Wir kamen – ohne eigenes Auto – auf
Anholt an. Der kleine Hafen mit ein paar Fischkuttern und
Kleinstbooten strahlte urgemütliches dänisches Milieu aus. Ein
Großvater blies in seine Trompete, um seinen ebenfalls vom Festland
kommenden Enkel willkommen zu heißen. Uns wurde auch ein herzliches
Willkommen zuteil, der Konzertarrangeur, ein Mitglied des
Gemeinderates der einzigen Kirche der Insel, war gekommen, um uns
abzuholen, und zwar mit seinem Trecker mit offenem Anhänger (!) ,
auf dem wir Platz nahmen. Dann ging es los, durch eine wunderbare,
etwas exotisch wirkende Landschaft mit Wacholderbeersträuchern,
Ginster, Birken, Heidekraut und langen Gräsern, über unasphaltierte
holprige Wald- und Wiesenwege. Schließlich erreichten wir die
Kirche, die sehr gemütlich und einsam in einem Waldstück lag. Es war
nun schon Abend. Wir gingen hinein, um zu proben. Mich hatte nur
eines die ganze Zeit bekümmert und zwar in zunehmendem Maße: wo
sollte unser Publikum herkommen? Wir waren doch ausschließlich durch
eine einsame Landschaft gefahren, kaum ein Hof, kaum ein Haus
irgendwo. Doch kurz vor acht Uhr füllte die kleine Kirche sich auf
mirakulöse Art. Das Publikum war doch gekommen, wohl aus allen
möglichen versteckten Winkeln der Insel. Wir spielten unser eigens
für solche Orte konzipiertes Programm "Hommage à Danmark".
Glückliche Gesichter, anhaltender Applaus der ansonsten
zurückhaltenden dänischen Landbevölkerung, einige Zugaben. Und –
natürlich – Glück in unseren Musikerherzen nach solch einem
Erlebnis.
J.B.: Herr Brusch, ich danke Ihnen sehr für dieses hochinteressante
Gespräch.
J.B.: Bitte, bitte, keine Ursache, es war mir ein Vergnügen.
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